Wichtelgeschichte Teil 4 ★

22. 12. 2013

Teil 4: Begegnung

Ich höre sie vor der Tür. Sie sind schon seit Monaten dort. Ihre Stimmen mischen sich mit dem Regen, der unablässig draußen vor den Fenstern niedergeht. Was sie sagen, verstehe ich nicht. Es ist mir auch egal. Selbst wenn sie mich töten, noch können sie nicht hinein. Noch habe ich meine Ruhe. Ich kann mir vorstellen, dass andere Menschen diese Ruhe wahnsinnig machen kann. Alles ist so still, abgesehen vom Trommeln des Regens und dem Brummen der Stimmen. Aber ich bin diese Einsamkeit gewohnt und ich habe sie zu nutzen gelernt. Und so sitze ich hier, lausche auf den Regen und betrachte sie. SIE, das ist die Spielfigur, die ihren Namen trägt.

Als ich sie das erste Mal sah, hat es auch geregnet. Natürlich, schließlich war das auf Nona. Bis dahin hatte ich das Kloster noch nie verlassen. Mein einziges Fenster zur Welt war immer nur der Garten gewesen, in den man durch die Küchentür gelangte. Beschützt von hohen Mauern zogen die Mönche dort ihre wenigen Kräuter und ab und zu öffnete sogar eine Blume ihre Blüte.

Im Vergleich zu den Gärten hier oben war das eingemauerte Beet hinter der Küche nichts weiter als ein Haufen Kompost, auf dem mehr zufällig die Pflanzen sprossen. Doch das war mir damals nicht bewusst und ich empfand ihn als schön und lebendig, genauso schön wie mein Leben. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, mein Zuhause zu verlassen. Dort draußen gab es nichts für mich. Mein Platz war hinter den Mauern, nicht davor. Bis zu jenem Tag … dem Tag, an dem ich von den Betrug erfuhr.

Das Spiel der Fortuna war mein Leben, ich war einzig und allein geboren worden, um das Rad zu drehen und ich glaubte an die Gerechtigkeit darin. Wie konnten andere dann dieses jahrhundertealte System untergraben, es schänden und ihm den Sinn entziehen? Und dann kam mir ein furchtbarer Gedanke. Was wenn es schon immer so gewesen war? Was wenn Fortuna schon immer missbraucht wurde? Dieser Gedanke war mir unerträglich und er war es schließlich auch, der mich aus meinem Zuhause auf die Straßen von Nona trieb.

Der Weg hinaus war jedoch nicht so einfach, wie ich angenommen hatte. Ich musste erkennen, dass ich praktisch ein Gefangener war, auch wenn ich mich nie so gefühlt hatte. Die hohen Mauern dienten nicht nur unserem Schutz, sie hielten auch ihre Bewohner fest. Diese Erkenntnis verletzte mich tief. Dachten sie wirklich, ich würde meine Pflichten vernachlässigen und den Ort, den ich als heilig ansah, einfach so verlassen? Ich wäre nie von alleine gegangen, wenn … ja wenn dieser Betrug nicht gewesen wäre. Ich musste doch herausfinden, wer die Menschen waren, die mich zu ihrem Instrument gemacht hatten. Ich musste lernen, wie diese Welt wirklich war, die so etwas zuließ. Die Welt, der ich diente – oder etwa nicht?

Aber ich wollte nicht für immer gehen. Wenn ich diese Welt besser verstand, dann könnte ich ihr vielleicht besser dienen und die Fehler ausgleichen, die andere gemacht hatten. Ich dachte ich könnte das System heilen, sodass es wieder gerecht funktionierte.

Wenn ich heute daran zurückdenke, war das eine dumme Annahme. Ich war vielleicht ein Priester der Fortuna, jahrelang ausgebildet und bereits erwachsen, aber ich dachte wie ein Kind; und dieses Kind war ziemlich verloren, als es schließlich auf den regennassen Straßen Nonas stand. Ich hatte viel Zeit mit der Ausarbeitung eines Plans verbracht, der mich unbemerkt aus dem Kloster und wieder hinein brachte. Aber wie es danach weitergehen sollte, das hatte ich mir nicht überlegt.

Einige Stunden lang konnte ich mich überhaupt nicht bewegen. Ich war erstarrt wie ein Tier, das in die Scheinwerfer eines Wagens blickt. Erst langsam kamen mein Mut und meine Entschlossenheit zurück. Ich wollte doch die Welt erkunden. Nun da war sie! Ich brauchte nur einen Fuß vor den anderen setzen und mich umsehen – und das tat ich auch.

Ich weiß nicht mehr, wie viele Tage ich einfach nur herumgelaufen bin. Ich verspürte keinen Hunger und keine Müdigkeit, nur diesen wahnsinnigen Durst nach Wissen und Erfahrung. Ich sog alle Eindrücke in mich auf, alle Gerüche, Farben und Gesichter. Ich war wie in Trance und konnte einfach nicht stehenbleiben. So wäre ich wohl bis ans Ende der Welt gelaufen, doch das Fieber stoppte mich schließlich. Der unaufhörliche Regen hatte mich krank gemacht – eine neue Erfahrung für mich, denn im Kloster stand ich unter strenger ärztlicher Beobachtung und wurde so gut wie nie krank. Darum war mein Körper auch nicht auf dieses Fieber vorbereitet und ich wäre wohl gestorben, hätte Fortuna mir nicht Helena geschickt.

Sie und ihre Familien nahmen mich trotz ihrer eigenen Armut auf und pflegten mich gesund. Schließlich brachten sie mich auch noch zum Kloster zurück, nachdem ich ihnen grob geschildert hatte, woher ich gekommen war. Sie stellten nie viele Fragen, als sie meine Zurückhaltung bemerkten. Auf Nona gibt es viele Geheimnisse, die besser ungesagt bleiben.

Ich war seltsam traurig, als ich mich von Helena verabschiedete. Ich wusste, dass keiner im Kloster mein Fehlen bemerkt hatte. Wir versinken oft Wochenlang im Gebet und die Zeit meiner Klausur war noch nicht um. Daran konnte meine Traurigkeit also nicht liegen. Vielleicht war ich betrübt darüber, dass ich Helena anlügen musste, als wir uns an der Kreuzung trennten. Sie hatte mich eingeladen, sie beizeiten wieder zu besuchen und ich hatte geantwortet, dass ich gerne wiederkommen würde. Aber ich wusste das würde nie geschehen. Sie würde für immer aus meinem Leben verschwinden … damit lag ich jedoch falsch. Als ich im nächsten Monat die Namen für das neue Spiel wählte, erschien auf meinem Monitor ein schwarzer Bauer mit dem Namen: HELENA AALTON.

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2 Responses to “Wichtelgeschichte Teil 4 ★”

  1. Judy 22. Dezember 2013 at 16:15 #

    Wer ist denn hier gemein? Hä? 😀
    Ich bin nun echt gespannt wie es endet! Kann Dienstag kaum erwarten :)
    *knufft Yupiter*
    Hast wirklich was tolles rausgebaut^^v

    • Jenny 22. Dezember 2013 at 16:27 #

      Wenn der Kunde zufrieden ist, freut sich der Lieferant XD
      *verteilt ein paar ♥en*

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