Wichtelgeschichte Teil 3 ★

15. 12. 2013

Teil 3: Fortunas Priester

Ich weiß nicht, wie sie die Träger des Rades auswählen, aber als ich geboren wurde, stach man es mir unter die Haut und nahm mich meinen Eltern weg. Vielleicht sagte man ihnen, dass ich gestorben sei, vielleicht konfiszierten sie mich aber auch einfach. Ich habe es jedenfalls nie erfahren und auch nicht den Namen meiner Eltern oder was sie für ein Zeichen trugen. Meinen eigenen Namen gab man mir erst später, als ich im Kloster ankam. Die Mönche dort hatten ein Schweigegelübde abgelegt, aber der Priester von Morta, der jeden Monat zu Besuch kam, sprach mit mir und lehrte mich all jene Dinge, die ich wissen musste, um meine spätere Aufgabe zu verstehen und auszuführen.

Einmal traf ich auch den anderen Träger des Rades; das war, als er im Sterben lag und ich offiziell seinen Platz einnahm. Ich küsste ihn dem Brauch entsprechend zum Abschied auf die Stirn und musste dabei weinen, obwohl er ein völlig Fremder für mich war. Doch das Rad verband uns mehr, als Blut oder Gewohnheit es je gekonnt hätten. Vielleicht sah ich auch mich dort liegen, alt und allein, am Ende meines Dienstes für das Volk der Nornen. Ich weiß nicht mehr, ob es mir Angst gemacht hat, aber die Erinnerung an die tiefe Einsamkeit, welche an diesem Tag den Raum erfüllte, lässt mich heute noch nachts aufwachen und nach meinen unbekannten Eltern rufen.

Doch was tun wir Träger des Rades eigentlich, das diese Einsamkeit nötig macht? Das fragt ihr euch jetzt bestimmt. Ich hatte am Anfang ja von der Beschaffenheit unserer drei Planeten gesprochen, erinnert ihr euch? Heutzutage sind die sozialen Strukturen gefestigt und alle leben auf dem Planeten, der ihnen vom Schicksal zugewiesen wurde. Doch am Anfang musste entschieden werden, welcher Mensch auf welchem Planeten siedeln darf. Nona erschien nicht gerade als besonders einladend und dennoch bot die öde kleine Schwester den größten Platz zum Leben. Es war schnell klar, dass nur eine kleine Elite auf Morta leben konnte, aber wie sollte man das entscheiden?

Einige hohe Persönlichkeiten, die auf der alten Erde bereits Anführer und Wissenschaftler gewesen waren,  hatten ihren Platz auf Morta aufgrund ihrer Autorität ohnehin sicher und sie waren es auch, die letztlich Fortuna entwickelten.

Im Grunde ist Fortuna ein Schachbrett mit drei Ebenen, welche die drei Planeten symbolisieren. Die Spielfiguren entsprechen dabei jeweils einem Bürger unseres Volkes. Als weißer Spieler wurde ein Supercomputer eingesetzt, eine künstliche Intelligenz, die sich nicht von Gefühlen beeinflussen lässt und völlig logisch handelt. Der schwarze Spieler musste jedoch stets ein Mensch sein, um die unlogische Komponente ins Spiel einzubringen.

Zu Beginn wurden unzählige Spiele gespielt. Die Position, welche die jeweiligen Spielfiguren am Ende jeder Partie hatten, entsprachen ihren jeweiligen Positionen in der Gesellschaft und damit auch ihrer Zugehörigkeit zu einem Planeten. Es gab zwar einigen Widerstand gegen die letztendliche Entscheidung, am Ende akzeptierte jedoch jeder seinen Platz, wenn man den Geschichtsbüchern glauben darf.

Aber nach der endgültigen Aufteilung der Bevölkerung wurde Fortuna nicht einfach abgeschaltet. Das Programm lief weiter, unbemerkt im Hintergrund. Die Spiele wurden drastisch weniger, aber die Spielregeln verschärften sich. Früher wurden die Figuren, die während des Spiels geschlagen wurden und das Brett verlassen mussten, bei einem neuen Spiel wieder eingesetzt. Heute aber bedeutet das Verlassen des Brettes den Tod der Person, für den die Spielfigur steht. Dies dient der Populations-Kontrolle.

Heutzutage ruft Fortuna in unregelmäßigen Intervallen ein Spiel ins Leben und zwischen jedem Zug liegt mindestens ein Monat. Ist das Spiel erst mal in Gang gesetzt, kann niemand es vor einem Schachmatt beenden. Der Computer schließt sich und den menschlichen Spieler im Spielsaal ein und öffnet die Türen erst nach dem letzten Zug.

Offiziell weiß niemand mehr von dem Spiel, das über Tod und Leben, Aufstieg und Absturz entscheiden kann. Aber es gibt natürlich Gerüchte. Für hohe Persönlichkeiten bedeutet ein Einstieg ins Spiel ein großes Risiko. Für die ärmsten der Armen ist es zumindest eine Chance, um dem Elend zu entfliehen, auch wenn die Chancen auf Tod größer sind. Solche Leute, die auf ein besseres Leben hoffen, glauben auch leichter an die Existenz eines Schachbrettes, das das Schicksal ändern kann. Und wenn sie sich anstrengen und besonders großes Glück haben, dann treffen sie vielleicht auf einen Seelenverkäufer, der sie in ein dunkles Hinterzimmer mitnimmt, ihnen eine abenteuerliche Geschichte auftischt und ihnen alles abnimmt, was sie besitzen, nur für die Chance ihren Namen in dieses wundersame Spiel zu bringen.

Und da komme ich ins Spiel. Meine Aufgabe ist es, die Namen von lebenden Menschen mit den Spielfiguren zu verknüpfen. Darum nennt man uns Puppenmacher. Wir erschaffen die soziale Identität jeder einzelnen Schachfigur und das bei jedem Spiel aufs Neue. Die Zuordnung geschieht in der Regel zufällig. Ich suche die Namen aus dem großen Register heraus, ordne sie im Rechner den Figuren zu und generiere dann die passende Figur aus Holz. Nach dem Spiel werden die Figuren verbrannt und ihr Name aus dem Register gestrichen. Die meisten sind dann ohnehin tot und die anderen dürfen nicht noch einmal spielen, so schreiben es die Regeln vor.

Vielleicht versteht ihr nun, warum ich keinen Kontakt zu anderen Menschen haben darf. Auf der einen Seite darf niemand erfahren, dass es Fortuna gibt. Auf der anderen Seite würde es mich parteiisch machen, wenn ich einige der Gesichter hinter den Namen kenne. Es soll schließlich fair zugehen.

Hin und wieder bringt mir jedoch der Mönch, der für mich sorgt, eine Datei mit Namen, die ich bei der nächsten Partie einfügen soll. Sie sagen mir die Namen seien in Träumen zu ihnen gekommen oder im Gebet. Früher habe ich mir keine Gedanken darum gemacht. Heute weiß ich jedoch, dass die Namen erkauft sind. Entweder hat einer der Vernachlässigten von Nona sein ganzes Hab und Gut eingesetzt, um eine zweite Chance für sich oder ein Familienmitglied zu erzwingen. Oder es war einer der oberen Zehntausend von Morta, der einen unliebsamen Konkurrenten auszuschalten hoffte. So oder so, die Menschen haben einen Weg gefunden, das System für ihre Zwecke zu missbrauchen.

 

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2 Responses to “Wichtelgeschichte Teil 3 ★”

  1. Judy 15. Dezember 2013 at 07:51 #

    Oh oh!!! Das hast du ja super gemacht *____*
    Aber wie soll ich nun die nächste Woche überstehen!!! O.O

    • Jenny 15. Dezember 2013 at 08:15 #

      Freut mich, dass dir mein Gebilde gefällt XD
      Wir trinken einfach gaaaanz viel Tee, dann überstehen wir das schon ^.^

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